Reizbefriedigung, jetzt sofort!
Aber bitte ohne Anstrengung!

Ich kann es einfach nicht lassen.

Nur noch einmal kurz durch die Timeline surfen.

Kleine Häppchen an Informationen aufschnappen und immer wieder weiterscrollen auf der Suche nach dem nächsten Reiz.

Eigentlich könnte ich jetzt auch ein gutes Buch lesen. Oder etwas Neues lernen. Etwas machen, wonach ich mich nicht so leer, sondern gut fühle.

Kennst Du das auch?

 

Kennst Du das auch?

"Soziale Netze sind der Vibrator der Unterhaltungs-medien."

"Immer neue, wiederkehrende Reize lassen den guten zwischenmenschlichen Sex reizärmer erscheinen", sage ich nachdenklich zu meinem Freund, auf dem Sofa liegend.

Ich erinnere mich daran, dass durch überhöhten Pornokonsum Menschen normalen Geschlechtsverkehr nicht mehr als stimulierend genug empfinden. Selbst junge Männer können dadurch zwischenmenschlich impotent werden – nur der starke visuelle Reiz reicht noch zur Erregung.

Wir gewöhnen uns immer mehr an den starken Reiz mit sofortiger Belohnung ohne Anstrengung. Ich spüre, dass es ungewohnter und anstrengender für mich wird, lange, reizärmere Texte am Stück zu lesen. Etwas „durchzuarbeiten“, inhaltlich dranzubleiben.

Kennst Du das auch?

Was macht das mit uns? Befriedigt uns das wirklich? Oder nimmt es uns nicht sogar die Möglichkeit nach wirklicher Befriedigung?

Auch in unserem Alltag haben wir unzählige Situationen, in denen ein Reiz eine Reaktion in uns auslöst. Und es ist so zutiefst vertraut und gewohnt, mit unseren Reaktionsmustern zu reagieren. Die meisten davon sind uns gänzlich unbewusst. Wir reagieren, weil wir „immer schon so waren“, weil „unser Charakter so ist“.

Wir alle sind konditioniert durch unsere Vergangenheit. Menschen berichten mir: „Wenn Papa gereizt war, war ich vorsichtig.“ „Wenn Mama sich zurückgezogen hat, war ich lieb und habe versucht, eine brave Tochter zu sein.“ „Ich habe gelernt, für Leistung geliebt zu werden.“ Oder man ist daran gewohnt, Konflikte nicht anzusprechen, gute Stimmung zu machen. Angepasst oder auch rebellisch zu sein.

Diese Reaktionen lernen wir, um einen Reiz auszulösen oder zu verhindern. Mama soll nicht sauer, erschöpft oder gekränkt sein. Papa soll sich für mich interessieren, mich mögen, mir Aufmerksamkeit schenken. Ich will nicht bestraft, sondern belohnt werden.

Kennst Du das auch?

Und wir fahren fort, uns so zu verhalten, obwohl wir unser Elternhaus längst verlassen haben und heute so viele andere Optionen hätten. Weil unser Gehirn Abkürzungen liebt und dieses Verhalten als „richtige Reaktion“ in uns verankert hat, reagieren wir automatisch nach gewohnten Mustern, wann immer ein auch nur entfernt ähnlicher Reiz auf uns trifft. Wir bleiben nett oder rebellisch, vorsichtig oder leistungsorientiert. Mit allen Konsequenzen. Denn wir zahlen einen hohen Preis dafür.

Wenn ich immer rebellisch sein muss, bin ich auch ein Sklave meiner Vergangenheit. Ich habe mehr Reibereien und kann mich weniger gut einlassen. Bin ich leistungsorientiert, kann mir Spaß und Spiel abhanden kommen, ich kann krank und ausgebrannt werden und vergesse, was mich wirklich erfüllt. Angepasst darf ich nie ganz ich selbst werden und in vorsichtiger Haltung werde ich Anderen nie vertrauensvoll begegnen können – ich werde sogar meinen vertrautesten Mitmenschen unbewusst misstrauen.

Aber: die alte Reaktion bekommt eben eine „schnelle“ Belohnung! Wenn ich immer angepasst bin, habe ich vermutlich real – weniger Streit. Wenn ich leistungsorientiert bin, bin ich oft erfolgreich und habe ein Gefühl von Kontrolle. Bin ich nett, mögen mich die anderen lieber, als wenn ich ehrlich bin. Und bin ich vorsichtig, „fühle“ ich mich sicherer und vermeide Kontakt, werde also scheinbar weniger verletzbar.

Diese schnelle Belohnung müsste ich loslassen, um mich aus der Konditionierung zu befreien.

Diese schnelle Belohnung müsste ich loslassen, um mich aus der Konditionierung zu befreien.

Was haben wir zu gewinnen, wenn wir dem Reiz nicht einfach nachgeben? Wenn wir nicht einfach nur reagieren, um uns die schnelle Belohnung abzuholen?

Ich sehe es immer wieder in meiner Praxis. Es gibt Menschen, für die ist die Belohnung zu verlockend und sie wählen immer wieder die altvertraute Reaktion. Und dann gibt es Menschen, die bereit sind, nicht die schnelle, sondern die langsame Belohnung zu bekommen. Wenn ich es nämlich schaffe, in diesen Situationen anderes zu reagieren als gewohnt, kann etwas völlig neues, spannendes passieren. Auf einmal bin ich nicht mehr immer gleich sondern kann neu, anders, ungewohnt reagieren. Ich kann wählen, wie ich reagiere und wie ich die Situation gestalte. Das fühlt sich oft überraschend, befreiend und manchmal sogar ein bisschen beängstigend an.

Denn: Wer bin ich, wenn ich diese alte Reaktion verlasse? Wer werde ich sein? Wo führt das hin?

Wer bin ich, wenn ich diese alte Reaktion verlasse? Wer werde ich sein? Wo führt das hin?

Die langsame Belohnung... Um sie zu erreichen muss ich bereit sein, Neues zu wagen. Ich muss bereit sein, dem Unbequemen nicht auszuweichen: meinen Ängsten, meinem Scheitern, meiner Frustration. Und trotzdem immer weiter zu machen und nicht aufzugeben, manchmal über einen langen Zeitraum. Das ist manchmal erst einmal unbequem. Sich verändern ist anstrengend und braucht Willenskraft. Der Wunsch nach wirklich nachhaltiger Veränderung, ohne diese Hürden zu überwinden, ist leider utopisch.

Ich treffe immer wieder Menschen, die im Laufe ihres Lebens unglaubliche Fähigkeiten entwickelt haben. Zum Beispiel Kampfsportler, Magier, Meditationsmeister, Köche oder Philosophen - ihre Meisterschaft haben sie durch jahrzehntelanges Training erreicht. Ihre Fähigkeiten sind die „langsame Belohnung“. Sie sind aus Leidenschaft geboren, aber auch durch tausendfach durchlebte Frustration entstanden. Es ist das Dranbleiben, auch wenn es mal unbequem wird, was diese Tiefe und Kunstfertigkeit geschaffen hat. Sie haben immer wieder der Versuchung widerstanden, jetzt das Bequemste zu tun. Dafür mussten sie oft durch ihre Versagensängste gehen, ihre Grenzen erweitern, es erforderte ihren Mut, ihre Kreativität und ihr Durchhaltevermögen.

Das entspricht immer weniger unserer Kultur, die immer schnellere Reizbefriedigung, jetzt sofort! Ohne Anstrengung! verspricht.

Die langsame Belohnung kann die Begegnung mit einem echten Menschen aus Fleisch und Blut sein. Mit der ganzen Gefahr, Aufregung und Intensität, die eine solche Begegnung enthalten kann. Mit dem Potential für Enttäuschung, Schmerz oder Scheitern aber auch echter Nähe, echter Befriedung und echter Überraschung. Da kann ein Vibrator dann eben doch nicht mithalten. Selbst wenn er uns vielleicht schneller befriedigen würde als das Gegenüber (Nichts gegen den Vibrator. Er soll hier nur zu Demonstrationszwecken benannt werden).

Ja, und manchmal ist sie wundervoll, die schnelle Belohnung - , auch sie hat natürlich ihre Berechtigung und ihre Zeit. Jetzt ein Eis! Ab in die Sonne! Jetzt schwänzen, später lernen – herrlich!

Wer bin ich, wenn ich diese alte Reaktion verlasse? Wer werde ich sein? Wo führt das hin?

Eigentlich wird’s ja nur doof, wenn wir mit der schnellen Belohnung bestimmten Dingen ausweichen und uns aus Angst der eigentlichen Herausforderung nicht stellen. Wenn wir gewohnt und eingefahren reagieren und uns nicht trauen, etwas Neues auszuprobieren.

Surfen anstatt … echte (ja, fremde!) Menschen kennenzulernen, einen Text zu schreiben, ein herausforderndes Gespräch zu führen, neue Einsichten beim Lesen zu finden, etwas Neues zu lernen (und sich auch mal wieder zu blamieren) oder etwas Ungewisses auszuprobieren!

Und wenn ich ehrlich bin, kenne ich den Unterschied: wenn ich mich leer fühle oder stagnierend, dann ist es Zeit, sich mal wieder der langsamen Belohnung zu widmen.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit“
(Victor Frankl)


"Möchtest Du etwas in Deinem Leben verändern?"

Lisa Sundermeyer, Psychotherapie in Berlin, Prenzlauer Berg
Lisa Sundermeyer, körperorientierte Psychotherapie

Ich arbeite in meiner Praxis gemeinsam mit meinen Klienten an der Bewältigung von Angst, Panikattacken, Stress und chronischem Schmerz.

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