Die Arbeit mit Trauma:
Ein Beispiel aus der Praxis

Es gibt in der japanischen Kultur eine Tradition: Bruchstellen zerbrochener Porzellan-Gefäße werden sorgfältig mit Gold repariert. So werden die Bruchstellen als Geschichte sichtbar gemacht und zeigen die eigene und besondere Schönheit des Gefäßes.

Wenn Du Dich "zerbrochen" fühlst, dann denke daran:
Jede Erfahrung hat Dich so stark gemacht, wie Du jetzt bist.

Angenommen, Deine Kindheit war war nicht die Leichteste.

Die Menschen, die Dich aufgezogen haben, haben Dein Vertrauen zutiefst erschüttert, anstatt Dich zu beschützen und Dir Sicherheit zu geben. Du warst es gewohnt, immer auf der Hut zu sein und aufzupassen, wie die Stimmung um Dich herum ist, damit nichts eskaliert. Angst war Dein ständiger Begleiter. Oft hat sich dann Dein Bauch zusammengezogen und Du warst voller innerer Unruhe und Anspannung.

Wenn die Situation eskaliert ist, Deine Eltern wieder in einen Streit geraten sind, Du bestraft wurdest ohne die Gründe zu verstehen oder die Stimmung zuhause wieder so schlecht wurde, konntest Du die Situation nicht kontrollieren. Vielleicht hast Du es probiert, indem Du versucht hast, gut zu sein und vorsichtig, um nicht alles noch schlimmer zu machen. Oder Du bist innerlich einfach erstarrt, hast Dich hilflos und gelähmt gefühlt. Vielleicht hast Du Dich in Dich zurückgezogen, Dich verschlossen und Dir geschworen, nie wieder jemandem zu vertrauen. Oder Du bist wütend geworden, hast geschrieen und geweint – aber es hat nichts geholfen.

Das Gefühl, hilflos und ausgeliefert zu sein, keine Kontrolle über die Situation zu haben war schrecklich. Die Angst und die Wut waren übermächtig, aber Du als Kind hattest der Situation nichts entgegenzusetzen. Oft hast Du Dich einsam gefühlt und da war niemand, der Dir zur Seite gestanden hat.

Heute ist Dein Leben eigentlich sicher. Du bist erwachsen und frei, kannst selbst Entscheidungen treffen, bist von niemandem mehr wirklich abhängig. Du verdienst Deinen Lebensunterhalt selbst und hast Menschen um Dich herum, die Dich lieben und wertschätzen.

Du könntest ihnen vertrauen. Du könntest Dir vertrauen. Aber Du kannst es nicht. Du fühlst immer noch so oft diese Unruhe und Anspannung in Dir. Obwohl es nicht mehr nötig wäre, bist Du immer noch so oft auf der Hut. Loslassen, sich fallen lassen, zu vertrauen fühlt sich gefährlich an. Du hast Dir einen Schutzpanzer zugelegt, der sich anfühlt als ob er Dich sicher macht, auch wenn er Dich eigentlich fast erstickt und Dich ausbrennt.

Die Schutzmechanismen von damals stehen Dir heute im Weg:

Dein System stellt permanent sicher, dass nie wieder etwas so Schlimmes mit Dir passiert.

Da niemand gut für Dich gesorgt hat, fällt es Dir heute schwer, auf Deine eigenen Bedürfnisse zu achten. Vielleicht ist es schwer, nein zu sagen, weil das früher gefährlich war. Oder Du kümmerst Dich nicht darum, für Deine Grundbedürfnisse zu sorgen: Dir gutes Essen zu geben, wenn Dein Körper es braucht. Genug zu schlafen, nicht zu viel zu arbeiten, auszuruhen. Vielleicht steckst Du in ungesunden Beziehungen und wiederholst als Erwachsene eine Erfahrung, die Du als Kind schon erlebt hast.

Das führt zu körperlichen Symptomen. Vielleicht hast Du häufig Kopfschmerzen und bist ständig unter Anspannung. Vielleicht ist immer noch oft diese Unruhe in Dir und Du kannst nie wirklich loslassen, bis Du schliesslich krank wirst, damit sich Dein Körper endlich ausruhen kann. Das alte Gefühl, nicht loslassen zu dürfen, permanent auf der Hut zu sein, äussert sich in Schulterschmerzen, Druck auf der Brust, Unruhe im Solarplexus. Schliesslich fühlst Du Dich nur noch erschöpft und überfordert, ausgebrannt und leer.

Wenn Du zu mir kommst, lernst Du wahrzunehmen, was in Deinem Körper passiert. Wie Du Dich anspannst. Wie sich das in Deinem Körper anfühlt: eng, taub, bedrückend, hart ... Und Du lernst zu spüren, welche Situationen dich heute anspannen lassen:

Dann finden wir gemeinsam heraus, wie Du in Deinem Körper auf die Situation reagierst: Deine Schultern hochziehst, Deinen Brustkorb festmachst, aufhörst zu atmen. Wie Du versuchst, wie als Kind durch Anspannung die Ungewissheit der Situation zu kontrollieren und dadurch ein Gefühl von Sicherheit in Dir zu erzeugen. Dich zu schützen. Nur dass die Anspannung Dich heute gar nicht mehr schützt.

Und dann lernst Du, loszulassen.

Ich arbeite mit tiefer Berührung an all den Muskeln, die gar nicht mehr wissen, wie loslassen geht. Du lernst wieder, das tiefe Atmung Dich entspannt und beruhigt. Dass Du Dich sicherer fühlst, wenn Du Dich ganz entspannst. Du entdeckst, dass Dein Körper in entspanntem Zustand genau wahrnehmen kann, dass Du heute in Sicherheit bist und nicht mehr in der alten Gefahr feststeckst.

Sitzung für Sitzung lernst Du nun, wie Du ein Gefühl von Sicherheit, Stabilität und Vertrauen in Deinem Körper herstellen kannst, anstatt mit der altgewohnten Anspannung zu reagieren.

All das erarbeiten wir mit Beschreibung, Berührung und Deiner Aufmerksamkeit.

Dein Körper fühlt sich nach den Sitzungen endlich wieder entspannt, frei, gelöst und sicher. Du kannst alte Gefühle wie Angst, Einsamkeit und Bedrohung im sicheren Rahmen einer Sitzung zulassen, verarbeiten und abschliessen, um sie heute nicht wieder und wieder zu erleben. Alte Glaubenssätze werden beschrieben, damit Du sie in Frage stellen kannst und neue Entscheidungen möglich werden.

Du lernst, die alten Reaktionsweisen zu erkennen und in diesen Situationen anders zu reagieren. Denn heute bedeutet Ungewissheit nicht notwendigerweise Gefahr und Bedrohung. Du kannst heute loslassen, atmen und Dich in die Ungewissheit entspannen.

Du erfährst Dich selbst wieder als kraftvoll, sicher und frei in Deinem Körper. So entziehst Du selbstbestimmt der Vergangenheit die Macht über Dein heutiges Leben.

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Die Vergangenheit prägt uns alle, aber wie werden wir sie wieder los?

Es ist schon lange vorbei, aber Du bist immer noch nicht frei davon. Es mag passiert sein, als Du ein kleines Kind warst oder bereits erwachsen, es kann kurz oder lang gewesen sein – es hat Dich geformt. Viele Erlebnisse aus unserer Vergangenheit haben auch heute noch einen Einfluss auf uns.

Wie formen diese Erlebnisse uns heute noch, auch wenn sie schon vorbei sind?

Wir tragen Schlussfolgerungen und Glaubenssätze aus der Vergangenheit in uns und handeln heute noch nach ihnen.

Das Gehirn liebt Abkürzungen, denn sie sparen Zeit. Deswegen bauen wir aus Erlebnissen, die wir hatten, Vorhersagen für die Zukunft. Denn oft, wenn wir etwas erleben, wird es sich wahrscheinlich wiederholen. D arauf innerlich vorbereitet zu sein gibt scheinbar Sicherheit.

Du wurdest in der Schule gemobbt?

In der 7. und 8. Klasse ausgegrenzt und gedemütigt? Von den Mädchen ausgeschlossen, von den Jungs abgewiesen und gedemütigt?

Daraus können sich viele Schlussfolgerungen bilden. Hier ein paar Beispiele:

Gruppen sind gefährlich!

Du fühlst Dich immer als Aussenseiter in Gruppen. Bist angespannt und misstrauisch, unsicher oder unfrei. Das wird Menschen, die auf Dich treffen, ebenfalls verunsichern – Verunsicherung ist ansteckend. Und eher Abstand halten lassen. Schon hast Du genau die Situation erschaffen, die Du erwartet hast: Du bist mal wieder Aussenseiter.

Ich bin wertlos.

Ein mal in aller Tiefe manifestiert, ist dies eine besonders heimtückische Schlussfolgerung, die Dir in vielen Alltagssituationen Dein Selbstvertrauen rauben kann. Die meisten Menschen tragen tief in sich eine Angst davor, nicht ausreichend zu sein. Entstanden aus vielen kleinen und großen Zurückweisungen, denen Du im Laufe Deines Lebens begegnet bist, lässt sie Dich heute zweifeln, wenn Du Deinen Mut am meisten brauchst.

Ich bin unattraktiv.

Auch wenn Du damals 13 warst und nichts, aber auch gar nichts mehr so ist wie damals, glaubst Du es immer noch. Du magst damals Akne gehabt haben oder warst vollkommen unsicher und unsichtbar, heute bist Du viel schöner, strahlender, klüger – wenn Dir jemand gefällt, überfällt es Dich wieder. Du wirst wieder 13 Jahre alt, verhaspelst Dich beim Sprechen, wirst linkisch in Deinen Bewegungen und bist ganz weit weg von sexy und souverän.

Menschen mögen mich nicht.

Überleg mal, wie diese Überzeugung Dein Verhalten prägen wird: Du wirst weniger offen, sicher und frei sein, wenn Du auf Menschen triffst. Wenn Du auf angespannte, unsichere, vorsichtige Menschen triffst, fühlst Du Dich in der Regel sehr zu ihnen hingezogen? Meistens eher nicht, oder? Kannst Du Dir vorstellen, wie sehr diese Überzeugung Deinen Kontakt mit Menschen prägen wird und damit Dein ganzes Leben?

So oder ähnlich ist es uns allen gegangen.

Es kann die Trennung der Eltern gewesen sein, der Verlust eines geliebten Menschen, Zurückweisung oder mangelnde Anerkennung im Elternhaus. Bei manchen Menschen sind es schwere, traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch oder Gewalterfahrungen. Bei anderen sind es vielleicht weniger dramatische Erfahrungen: Ein Lehrer, der einen regelmässig heruntergemacht hat. Eine Mutter, die immer distanziert war. Der größere und stärkere Bruder, dem man immer unterlegen war.

Natürlich prägen uns auch die positiven Erfahrungen. Sich geborgen und sicher gefühlt zu haben. Als Kind frei herumzustreunern und einfach der eigenen Neugierde zu folgen, sich leicht und unbeschwert zu fühlen. Sich gewehrt zu haben und damit Erfolg gehabt zu haben, gehört oder geschützt worden zu sein oder sich selbst geschützt zu haben. Diese Erfahrungen sind ein kleiner Schatz, der uns meistens viel selbstverständlicher ist als das, was uns im Weg steht. Dabei können wir auch diese Erfahrungen aktiv nutzen, wenn wir sie brauchen. Sich zum Beispiel an all die Situationen zu erinnern, in denen man eine Herausforderung bewältigt hat, wenn man vor einer neuen steht, kann sehr viel Selbstvertrauen aktivieren.

Meistens gehen wir leider den umgekehrten Weg: wir stellen uns vor, was alles passieren könnte. In unserer Phantasie versagen wir schon, bevor wir angefangen haben. Oder wir spielen in unserer Vorstellung immer wieder mögliche Ereignisse durch. Leider immer auf Basis von Erlebnissen, die wir schon hatten. Andere Daten haben wir ja gar nicht zur Verfügung. Denn wie gesagt, der Verstand liebt Abkürzungen.

Dabei sind wir alle als Wahrsager nicht so gut, oder?

Meistens passiert dann doch etwas anderes als wir angenommen haben. Oder wir sind von unseren eigenen Vorhersagen so eingeschüchtert, hölzern oder unflexibel (weil eben dann doch nicht passiert ist, was wir erwartet haben), dass es uns nicht geholfen sondern geschadet hat. Dann erzeugen wir gegebenenfalls mit unseren Annahmen selbst die Situation, die wir befürchtet haben. Oder es kann nicht so viel neues passieren, weil wir immer gleich und automatisch reagieren.

Stell Dir vor, Du würdest wählen, das nicht zu tun. Kein Wahrsager zu sein, nicht schon „vorbereitet“ sein für die Ablehnung, das Versagen oder einfach nur das Unbekannte. Du würdest Dich trauen, Dich auf eine neue Erfahrung einfach mal einzulassen und währenddessen zu erleben, was es ist. Kann dann nicht erst etwas wirklich neues passieren? Stell Dir vor, Du entscheidest Dich bewusst, jetzt nicht damit beschäftigt zu sein, was Du annimmst, was passieren wird. Du entscheidest Dich, Deine Interpretation der Realität mal kurz beiseite zu legen und zu erfahren. Wie ganz am Anfang, als Du ein Kind warst. Nur mit viel besseren Waffen: Du bist groß. Du bist schlau. Du bist frei. Du bist erwachsen.

Wenn Du diesen Text gerne praktisch für Dich selbst erfahrbar machen möchtest, kannst Du es tun:

  1. Mache eine kleine Liste an Ereignissen oder Erfahrungen, die Dich geprägt haben.
  2. Guck Dir die Erfahrungen an und schreib zu jeder dazu, welche Schlussfolgerungen Du damals aus der Situation gezogen hast.
  3. Dann überlege und schreibe auf, wo diese Schlussfolgerungen Dich heute noch beeinflussen. Auch ganz unbewusst.

Wenn Du möchtest, kannst Du dies für positive und negative Erfahrungen machen. Dann hast Du einen kleinen „Schatz“ und eine kleine Sammlung von „Störern“.

Wenn Du jetzt in die Situationen kommst, wo „Störer“ aktiviert werden, wirst Du wahrnehmen können, dass Du gerade wahrsagst. Interpretierst. Reagierst.

Es gibt genau in dem Moment eine kleine Tür, aus der Vergangenheit auszusteigen. Du kannst Dich entscheiden, genau das jetzt nicht weiter fortzuführen. Durchzuatmen, in die Realität zurückzukommen und nicht automatisch zu agieren. Nicht unbewusst anzunehmen sondern bewusst zu handeln.

Und vergiss nicht, Dich ab und an an Deinen „Schatz“ zu erinnern! Er kann Dich manchmal sicher durch gefährliche Gewässer manövrieren. Wenn Du weisst, was Du schon geschafft hast, kannst Du Gefühle wie Vertrauen, Selbstsicherheit oder Gelassenheit reaktivieren. Und die lassen Dich ganz anders handeln, als Befürchtungen.

Probier es aus. Dein Bewusstsein ist eine mächtige Waffe!

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Lisa Sundermeyer » Grinberg Methode Berlin / Brandenburg - Impressum